Zeit – welch seltsames Konstrukt. Normalerweise rennt sie und was wir auch tun, wir kommen nicht hinterher. Wir können es noch so sehr versuchen, aber sie lässt sich nicht anhalten. Geschweige denn zurückdrehen.

Und plötzlich ist März 2020 und die Zeit scheint stillzustehen. Urplötzlich von einem Tag auf den anderen ist alles anders. Die Zeit steht still und reißt uns den Boden unter den Füßen weg. Die Zeit steht still und die Sehnsucht nach dem Danach wird wach. Die Zeit steht still und der Wunsch, dass sie endlich vergeht wird so laut wie nie zuvor.

„Werd deinem Ruf gerecht, verdammt nochmal, heile alle Wunden du ach so tolle Zeit.“ Aber die Zeit steht still.

Stillstand. Da sind wir wahrlich nicht für gemacht. Das geht uns gegen den Strich. Stillstand liegt nicht in der Natur des Menschen. Im Gegenteil – wir müssen uns bewegen. Schon immer. In Urzeiten, um zu überleben. Heute, um zu leben.

Und gerade jetzt – in einer Zeit, in der alles stillsteht, die geprägt ist von Beschränkungen, wo wir einander nicht näher als 1,5 Meter kommen dürfen und die eigenen vier Wände nicht ohne triftigen Grund verlassen sollen – gerade jetzt, lohnt sich eine Rückbesinnung auf die erste Kunst des Menschen. Denn noch lange bevor die ersten Höhlenmalereien entstanden oder die ersten Rhythmen auf Holz getrommelt wurden, hat der Mensch die Kunst, den Atem, den Geist und die Muskeln zu einer extrem ökonomischen Fortbewegung über jegliches Terrain zu kombinieren, perfektioniert (so ähnlich steht‘s in Born to Run von Christopher McDougall)

Die Kunst zu Laufen steckt in jedem von uns. Sie ist so tief verankert, dass Stillstand uns physisch und psychisch ruhelos werden lässt. Die Gedanken kreisen wild umher, wir spielen die unterschiedlichsten Was-wäre-wenn-Szenarien durch, können nicht mehr ruhig sitzen. Unsere natürliche Reaktion auf den Stillstand ist die Habachtstellung. Adieu geliebte Entspannung, es lebe die Rastlosigkeit.

Das beste Mittel gegen diese Rastlosigkeit ist natürlich Laufen.

Und dabei meint natürlich selbstverständlich und selbstverständlich natürlich. Verabschiedet euch einfach mal von allen Zeitzielen und Paces, die euch im Kopf rumschwirren. Lasst die Kilos, die ihr durchs Laufen verlieren wollt, ruhig mal Kilos sein. Vergesst für einen Moment eure Statistiken auf Runtastic, Strava und Co.

Nutzt diese seltsame Zeit, um aufzuhören mit dem Kopf zu laufen.

Befreit euch aus eurem Gedankenkarussell und lauft einfach so, wie es die Evolution gedacht hat – mit den Sinnen und ohne Verstand

Die Rückkehr zum natürlichen Laufen ist ein behutsamer und entschleunigender Prozess an dessen Ende ein ganz neues Körpergefühl steht. Bist du am Anfang eines Laufs gedanklich noch beim Alltagsstress, bei der Arbeit oder beim letzten Streit, ist schon bald dein einziger Gedanke ein regelmäßiger 4/4-Takt – ob als Zahlen oder Töne ist wohl Typsache, so oder so hat dieser Takt einen leicht meditativen Charakter.

Und plötzlich zählt nicht mehr die Zeit, die du gelaufen bist. Es zählt die Zeit, weil du gelaufen bist. 

Die Zeit steht still. Und sie hat uns den Boden unter den Füßen weggerissen. Aber wir können laufen und Schritt für Schritt den Boden wieder spüren.